R.I.P - REST IN POWER LIEBSTE USCHI!

NACHRUF FÜR USCHI UNSINN - Unvergesslich beschreibt die Trauerfeier-Rede von Dieter Barth (Ehrenvorsitzender CSD Nürnberg) unsere liebste Uschi, ihre Art, ihr Handeln, ihre Energie und ihren unendlich großen Wunsch Menschen zu helfen und sich unentwegt dafür einzusetzen:

"Sehr geehrte Angehörige von Uwe Scherzer,

sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,

sehr geehrte politischen Wegbegleiter und Mitstreiter von Uwe Scherzer,

liebe queere Familie von Uschi Unsinn aus Nah und Fern,


Ihnen, sehr geehrte Angehörige, gilt als erstes mein ausdrückliches und tiefempfundenes Beileid und Mitgefühl. Ich wünsche Ihnen Trost und Kraft in der Zeit der Trauer und des Abschiedes.


Gleich zu Anfang meiner Rede bitte ich um Nachsicht, dass ich in der Fortfolge nur noch von Uschi Unsinn spreche, denn viele kennen oder kannten den wirklichen Namen von ihr gar nicht.


Uschi Unsinn, so hat mir vor wenigen Tagen jemand gesagt, war ein Ereignis, dass man nicht beschreiben kann, man musste es erleben. Dennoch habe ich die ehrenvolle Aufgabe, für die Queere Szene in Nürnberg, in Bayern und vielleicht auch weit darüber hinaus, den Menschen Uschi Unsinn zu beschreiben und zu würdigen, sehr gerne übernommen.


Ob es mir gelingt, muss am Ende meiner Ausführungen jeder für sich entscheiden, keinesfalls jedoch können meine Ausführungen vollständig sein. Dafür bitte ich jetzt schon um Verständnis. Uschi wird es mir aber mit Sicherheit sagen, wenn wir uns eines Tages über dem Regenbogen wieder begegnen.


Meine erste Begegnung mit einem Wesen in Kittelschürze, Schrubber und Putzeimer auf dem Nürnberger CSD war in meiner CSD-Vorstands-Pause vor rund 20 Jahren. Damals musste der CSD wegen Bauarbeiten auf das Gelände des ehemaligen Tullnaupark ausweichen. Das beschriebene Wesen krabbelte durch eine viel zu kleine Tür auf die damals provisorische Bühne und legte los: es machte Witze und sang sehr laut und ich fragte erstaunt: Wer ist denn DAS? Man tat mir kund: DAS ist Uschi Unsinn.


Damals war Uschi in meiner Wahrnehmung noch am Anfang ihrer Karriere als Polit-Dragqueen.


Uschi war ein Mensch, eigentlich ein Mannsbild, von kräftiger Statur, aber dennoch weich im Herzen. Sie hatte nicht nur ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl und ein Herz für alles was queer ist. Nein, Uschi setzte sich auch für Demokratie und Menschenrechte, für geflüchtete queere Menschen und mit aller Kraft gegen das Gesindel von rechts ein.


Uschi war so vom Einsatz für andere gepackt, dass sie sich meist selbst vergas. Sie hatte vor Jahren ihre Wohnung verloren, sie hatte sich nie darum gekümmert, dass sie selbst ja auch was zu Leben und für ihren Unterhalt braucht.


Sie hat hier in der Christuskirche oder in den Räumen des Fliederfunks und wohl auch an vielen anderen Stellen Unterschlupf gefunden.


Und Uschi war überall willkommen, wohin sie kam, gab es jemanden, der ihr was ausgegeben hat. So kam sie über die Runden, im Einsatz für andere und im Vergessen ihrer selbst.


Wenn man aufzählen will, was sie alles getan hat, tut man sich leichter, es mit den Dingen zu versuchen, die sich nicht getan hat. Uschi war einfach überall, nirgendwo war man vor ihr sicher. Selbst als ich vor wenigen Wochen auf dem Theaterball der Roten Bühne von Julia Kempken war, Uschi war auch dort, sogar sehr elegant an diesem Abend.


Seit über 20 Jahren konnte unser queeres Zentrum Fliederlich immer auf Uschi bauen, wenn es darum ging, Gelder zu sammeln, im Arbeitskreis Politik Aktionen zu planen, Gedenktage zu organisieren oder auch die Stolper-Steine zu initiieren und zu verlegen. Sie wirkte schon damals bei der Erstellung der NSP – Nürnberger Schwulen Post mit, und war natürlich im Jahr 2003 auch bei der CSD-Motoaktion „Hier sind wir zu Hause, Schwule und Lesben in Franken“ dabei.


Erwähnenswert ist auch, dass sie zusammen mit Michael Glas und anderen das Bündnis gegen Trans- und Homophobie gegründet hat und hier natürlich wieder als Motor antrat, damit dieses Bündnis auch mit Leben erfüllt wurde.


So hat sie unter anderem den Gedenktag gegen Trans- und Homophobie am 17.5. organisiert, aus diesem Anlass eine Demo in Nürnberg installiert und damit diesen Gedenktag sichtbar in unserer Stadt gemacht.


Gleiches gilt auch für Aktionen beispielsweise zum Tag der Menschenrechte und zum Coming-Out-Tag, um nur einige zu nennen. Sie initiierte auch die Gründung des Vereins „Leben unterm Regenbogen“ mit dem Ziel, ein queeres generationsübergreifendes Wohnprojekt in unserer Stadt zu realisieren.


Sie engagierte sich seit mehr als 15 Jahren bei der AIDS-Hilfe Nürnberg-Erlangen-Fürth.


Ob es um Präventionsarbeit in der Öffentlich-keit ging, um das Sammeln von Spenden aus Anlässen verschiedenster Art, um den Verkauf der jährlichen AIDS-Teddys, um das Verteilen von Kondomen und Infomaterial bei Wind und Wetter, auch nachts in angesagten Arias, man konnte aus sie zählen.


Sich um Menschen mit HIV zu kümmern, gegen die Stigmatisierung dieser Menschen vorzugehen, das Magazin Denkraum mitzugestalten, am Weltaidstag den Stand zu betreuen, alle diese Aufgaben waren Herzensangelegenheit für sie.


Als im Jahr 2016, im Verlauf des Frühjahrsempfangs der Deutschen AIDS-Hilfe in Berlin, die Ehrenmitgliedschaft an Frau Prof. Rita Süssmuth verliehen wurde, war Uschi natürlich dabei.


Und Uschi hat Menschen den Zugang zu Prävention und Hilfe ermöglicht, die ohne sie wohl nur schwer oder auch gar nicht erreicht worden wären. Natürlich darf auch das Engagement von Uschi Unsinn für den CSD in Nürnberg nicht unerwähnt bleiben.


Hier hatte sie die Hochphase ihres Einsatzes, als mein Freund Basti Brauwer meine Nachfolge als Vorsitzender des CSD-Vereins angetreten hat. Sehr schnell wurde sie zu seiner rechten und linken Hand, zu seiner Beraterin und zur Organisatorin von vielen kleinen und großen Dingen.


Auch hier war sie sich für nichts zu schade: sie verkaufte fast rund um die Uhr CSD-Freundschafts-Bändchen, organisierte und moderierte – wie auch bei Fliederlich - politische Diskussionsveranstaltungen und lies dabei so machen Politiker mit bösen Fragen auflaufen.


Sie brachte sich kreativ bei der Suche nach dem CSD-Motto ein und führte ganz selbstverständlich mit der Gruppennummer 1 die Demo an.


Sie war auch das soziale Gewissen des CSD und hat immer darauf gedrängt, das Angebote für alle Menschen und deren kleinen Geldbeuteln gemacht wurden, dass es Sozialtickets für Veranstaltungen gab oder das auch mit gedruckten Informationen an die „Alten“ in der Community gedacht wird, die nicht durch die Onlinewelt erreicht werden.


Dafür, und für sicher noch tausend unerwähnter Dinge, wurde sie im Jahr 2020 zum Ehrenmitglied des CSD-Vereins ernannt. Eine Ehre, die man meist erst dann erfährt, wenn man aus Altersgründen nichts mehr tun kann. Für Uschi war es eine Motivation noch mehr zu tun.


Uschi Unsinn war auch engagierte und quirlige Radiomacherin. Mit ihrer regelmäßigen Donnerstag-Sendung „RadioGays“ auf Radio Z hatte Sie seit dem Jahr 2013 immer On-Air Kontakte zur queeren Szene. Genau in den Vorbereitungen zu Ihrer nächsten Sendung wurde sie in den späten Sonntagabendstunden herausgerissen aus ihrem unermüdlichen Engagement.


Sicher war die Krönung für sie, als sie im Jahr 2020 in den Rat der Stadt Nürnberg gewählt wurde. Angetreten auf einem, aus meiner Sicht, eigentlich aussichtslosen Listenplatz, wurde sie erfolgreich nach vorne gehäufelt und durfte in das Ratsgremium einziehen. Aber davon haben wir schon gehört.


Mit diesem Mandat in der Tasche hat sie dann erst richtig Gas gegeben. Die Ideen gingen ihr nicht aus und plötzlich war sie auch noch mit der „Macht“ einer Stadträtin ausgestattet.


Uschi Unsinn hat vieles angestoßen. Dabei gab es manche Dinge, bei denen sie keine Mitstreitende finden konnte. Manches aber ist ihr auch gelungen. Hier will ich die Ausgestaltung unseres queeren Gedenkortes am Magnus-Hirschfeld-Platz erwähnen.


Oder auch wohl ihre letzte Spontandemo, als sich ein Redakteur der Nürnberger Zeitung aufgerufen fühlte, die Unfähigkeit der Ampelregierung in Berlin dazulegen, in dem er aufzählte, was es an queeren Themen im Koalitionsvertrag gibt, die alle zu Lasten der Heteromenschen gehen. Da war Uschi nicht mehr zu bremsen.


Ihren letzten wirklich großen Auftritt hatte sie am 26. Januar in der Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Flossenbürg bei der Einweihung des von ihr angestoßenen Gedenksteins, der an die homosexuellen Opfer in diesem Lager erinnert und der von der queeren Community Nürnbergs finanziert wurde. Uschi legte bei dieser Gelegenheit zusammen mit der Präsidentin des Bayerischen Landtages und mit dem Direktor der Stiftung bayerische Gedenkstätten einen Kranz für uns alle nieder.


Es ist sicher im Sinne von Uschi, wenn ich an dieser Stelle darauf hinweise, dass der Gedenkstein noch nicht vollständig bezahlt ist, und der Micha von Fliederlich dafür gerne Spenden annimmt.


Die Beschreibung von Uschi Unsinn wäre bei all den Dingen, die ich nicht erwähnen konnte, aber nicht annähernd vollständig, wenn man nicht auch ihren Leitspruch zitieren würde: Sichtbarkeit schafft Sicherheit.


Uschi war nicht zu übersehen und auch nicht zu überhören. Insbesondere auch dann nicht, wenn sie wiedermal eine Idee hatte, und dafür nicht sofort begeisterte Mitstreiter finden konnte. Da konnte sie energisch werden und manchmal drohte sie auch damit, dann eben nichts mehr zu machen. Spätestens dann zogen Menschen wie ich, aber auch die Verantwortlichen bei Fliederlich oder der AIDS-Hilfe die Köpfe ein und gaben nach.


Uschi konnte anstrengend sein, sie konnte einen im Sinne der guten Sache sowas von auf die Nerven gehen, und dennoch meinte sie es immer gut – nie für sich, immer für die anderen, die unsere Hilfe brauchen.


Vieles kann Sie jetzt nicht mehr miterleben und mitgestalten:


/ Die Umsetzung des queeren Aktionsplans der Stadt Nürnberg, an dem sie maßgeblich mitgewirkt hat und der in der Stadtratssitzung kommende Wochen beschlossen werden soll.

/ Die Schaffung eines großen queeren Regenbogenzentrums für alle queeren Organisationen und/oder für queere Jugendliche, das nachhaltig von der Stadt Nürnberg finanziert wird und das als Ziel auch in dem erwähnten Aktionsplan beschrieben ist.


/ Die Schaffung einer Einrichtung für queere Obdachlose.


/ Und Ihre neue Wohnung. Alle ihr nahestehenden Menschen haben angepackt, Möbel gekauft, aufgebaut und montiert und sie in vielen Dingen unterstützt. Sie konnte sie leider nicht mehr genießen, kaum war das meiste getan, ist sie nun am Sonntag im Alter von nur 54 Jahren plötzlich und unerwartet von uns gegangen, über den Regenbogen in eine andere Welt.

….

Zusammenfassend bleibt mir zu sagen, vielen Dank dir Uschi Unsinn, für alles was du getan hast, für die queere Familie in Nürnberg, in Bayern und weit darüber hinaus. Für alle Menschen, denen du geholfen hast, ohne dabei auf dich selbst zu achten.


Ein Spruch trifft auf dich nicht zu, nämlich die Feststellung „jeder ist zu ersetzen“. Für dich gibt es keinen Ersatz. Du warst einmalig, du hinterlässt eine Lücke, die durch nichts und niemanden geschlossen werden. Was wir an dir hatten, werden wir erst noch in kommenden Tagen, Monaten und Jahren spüren und erfahren und dich dabei schmerzlich vermissen.


Ich verneige mich in aufrichtiger Dankbarkeit und in tiefer Trauer vor dir.


Ruhe in Frieden oder besser, misch den Himmel auf und mach ihn so bunt, wie diese Kirche hier heute für dich geschmückt wurde."


842 Ansichten
CSD_NBG_Rummelsberger_2022.jpg